Willkommen beim Zentrum für Mehrsprachigkeit im Recht (ZeMiR)
Im Sommersemester 1929 hielt Zaccaria Giacometti an der Universität Zürich eine Vorlesung in italienischer Sprache mit dem Titel „Diritto costituzionale ticinese“. Es war eine mutige und weitsichtige Initiative, die jedoch ohne Fortsetzung blieb: Die Veranstaltung wurde nicht wieder angeboten, auch aufgrund der geringen Zahl an Einschreibungen.
Fast ein Jahrhundert ist vergangen, und heute stellt sich die Situation ganz anders dar. An der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich werden nicht nur Studienprogramme in englischer Sprache angeboten, sondern auch zahlreiche Lehrveranstaltungen und Seminare auf Französisch und Italienisch sowie Veranstaltungen auf Rätoromanisch.
Mit dem Ziel, diesen sprachlichen Reichtum sichtbar zu machen und weiter zu stärken, wurde das Zentrum für Mehrsprachigkeit im Recht (ZeMiR) gegründet.
Das Zentrum verfolgt mehrere Ziele. Erstens soll die Besonderheit der schweizerischen Mehrsprachigkeit institutionell verankert und stärker sichtbar gemacht werden. Zweitens geht es darum, das bereits vorhandene Potenzial innerhalb der Rechtswissenschaftlichen Fakultät besser zu koordinieren und umfassender zu nutzen. Ein weiteres zentrales Merkmal ist der interdisziplinäre Ansatz: Das Thema Mehrsprachigkeit wird nicht nur aus juristischer Perspektive behandelt, sondern im Austausch mit anderen Disziplinen.
Das Zentrum wird sichtbar machen, was bereits besteht. Über eine zentrale Plattform werden alle relevanten Informationen zu Lehrveranstaltungen, Seminaren und akademischen Möglichkeiten in verschiedenen Sprachen gebündelt – einschliesslich der Möglichkeit, Seminar- und Abschlussarbeiten auf Französisch oder Italienisch zu verfassen.
Zudem wird das Zentrum als Anlaufstelle für Studierende und Forschende dienen, die sich für Mehrsprachigkeit interessieren, und den Austausch sowie den Zugang zu praktischen Möglichkeiten – etwa Praktika in französisch- oder italienischsprachigen Kontexten – erleichtern.
Darüber hinaus wird es den Dialog zwischen Universität und Praxis stärken, insbesondere durch die Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen und durch Beiträge zur Diskussion über die Rolle der Sprachen im Recht und in der Gesellschaft.
Schliesslich wird das Zentrum gemeinsame Reflexionsräume schaffen, etwa durch Tagungen und interdisziplinäre Veranstaltungen, mit dem Ziel, diesen Bereich auch wissenschaftlich weiterzuentwickeln.
Während die Vorlesung von Giacometti im Jahr 1929 eine isolierte Erfahrung blieb, besteht heute die Möglichkeit, einen entscheidenden Schritt zu gehen: die zahlreichen bestehenden Initiativen in einer gemeinsamen und sichtbaren Strategie zusammenzuführen und damit die Mehrsprachigkeit als zentrales Element der schweizerischen und akademischen Identität zu stärken – als Ausdruck des Sprachenfriedens, der zu den Grundpfeilern des verfassungsrechtlichen Zusammenlebens in der Schweiz gehört.
Elisabetta Fiocchi, Direktorin des ZeMiR